Kleine Drachen, Kinderbücher und die Kunst, eine gute Geschichte zu erzählen

7 Fragen an Ingo Siegner


2002 erschien das erste Buch über den kleinen Drachen Kokosnuss, und seitdem folgte ein Abenteuer nach dem anderen. CBJ-Autor Ingo Siegner hat mit seinen lustigen Geschichten und Zeichnungen auf Anhieb die Herzen seiner kleinen Leser erobert. Im Interview erzählt er von der Kunst, Geschichten für Kinder zu schreiben, und vom Spaß, den er an seiner Arbeit hat.

Frage 1 von 7:

Der Held ihrer Kinderbücher ist ein kleiner Feuerdrache namens Kokosnuss, der eine türkise Kappe trägt und noch nicht fliegen kann. Drachen sind ja eigentlich eher riesengroße und Furcht erregende Geschöpfe, denen man lieber nicht persönlich begegnen möchte. Warum haben Sie sich gerade einen Drachen als Held ihrer Bücher ausgesucht?


Ingo Siegner: Der kleine Drache Kokosnuss war ursprünglich ein Geschenk: Ich habe ihn für ein Nachbarsmädchen zum Geburtstag gezeichnet. Damals,1998, hatte ich viele Ideen für Geschichten, darunter eben auch die vom kleinen Drachen. Ich hatte einfach Lust, mal eine Märchenfigur auszuprobieren. Zudem war damals die Hochphase des "Dino-Fiebers" und ich nehme an, dass mich das inspiriert hat. Und apropos böse Drachen: Als Zeichner kann man jedes Tier, egal wie groß und gefährlich, in ein niedliches Geschöpf verwandeln.

Der kleine Drache Kokosnuss war übrigens nicht immer so knubbelig und knuffig wie heute. Auf den frühsten Zeichnungen sieht er noch sehr viel "erwachsener" aus, zum Beispiel waren der Kopf und die Nase im Vergleich zum Rumpf viel kleiner, auch eckiger. Heute ist er rund und niedlich und gerade deswegen auch oft schwer zu zeichnen. Manchmal ist der kleine Drache das, woran ich bei einer Zeichnung am längsten sitze, und wenn Sie genau hinsehen, werden Sie merken, dass er auf manchen Bildern ein bisschen anders aussieht. Da hat er zum Beispiel eine längere Nase oder kürzere Beine. Da hab ich dann nicht aufgepasst.

Frage 2 von 7:

Woher nehmen Sie die Ideen für die Abenteuer des kleinen Drachen?


Ingo Siegner: Am Anfang steht ein Ort, ein Gegenstand oder eine Tätigkeit, die mich selbst fasziniert und von der ich glaube, dass auch Kinder sie spannend finden. Das kann zum Beispiel eine Höhle sein, ein Monster, ein U-Boot oder das Fliegenlernen und Tiefseetauchen. Dann fange ich an, rundherum eine Geschichte zu entwickeln, die meist viel länger ist als die endgültige Version im Buch. Wenn man im Erzählfluss ist, macht man viele Erzählschlenker, die nachher vielleicht überflüssig erscheinen und die man dann wieder herausnimmt. Manchmal sind es aber gerade diese Schlenker, aus denen sich eine ganz neue Idee oder ein neuer Handlungsstrang ergibt.

Frage 3 von 7:

Ihre Bücher werden gleichermaßen für die frechen Geschichten und die phantasievollen Zeichnungen gelobt. Was ist zuerst da – das Bild oder die Geschichte?


Ingo Siegner: Ich schreibe immer zuerst den Text und zeichne dann später die Bilder dazu. Meistens entstehen die Bilder aber bereits in meinem Kopf, während ich schreibe. Bild und Text bedingen sich gegenseitig und so kann es auch passieren, dass aus den Bildern in meinem Kopf eine neue Handlung hervorgeht. Ich bin aber auch nicht immer kreativ: Manchmal habe ich Phasen, in denen mir lange gar nichts einfällt – weder Text noch Bild. Ich denke, Bücherschreiben hat nicht nur mit Inspiration zu tun, sondern vor allem auch mit Konzentration. Man muss sich in die Geschichte hineindenken und sie manchmal auch erst mal in die Schublade legen und später wieder hervorholen. Eine Geschichte ist für mich gut, wenn sie mich selbst fasziniert. Für den Text für ein Kokosnuss-Buch brauche ich um die zwanzig Arbeitstage, dann kommen noch einmal dreißig bis vierzig Tage dazu für die Zeichnungen. Vielleicht kann man das auch so beschreiben: Die Geschichte auszudenken und sie zu Papier zu bringen ist eine Kunst, die Zeichnungen dazu anzufertigen ist dann eher ein Handwerk.

Frage 4 von 7:

Für die Kinder gibt es in Ihren Zeichnungen immer wieder etwas Neues zu entdecken oder zu suchen, zum Beispiel die kleine Maus, die in all’ ihren Büchern wiederkehrt. Was steckt dahinter?


Ingo Siegner: Zunächst einmal bin ich sehr verspielt und mag einfach kleine Details. In "Der kleine Drache Kokosnuss und der schwarze Ritter" habe ich mich zum Beispiel das erste Mal selbst reingezeichnet – als Zuschauer beim Kampf auf der Burg. Den Kindern erzähle ich immer, dass die kleine Maus mich eines Tages beim Zeichnen überrascht hat und seitdem darüber wacht, dass sie in jedem Buch vorkommt. Das ist natürlich nicht so ganz die Wahrheit… Ich mag die Maus gerne, weil ich durch sie eine Art zweite Ebene in die Geschichten einbringen kann. Oft spiegelt die Maus die Haupthandlung wieder und kämpft zum Beispiel mit einer anderen Maus, während der kleine Drache auch gerade kämpft. Oder die Maus ist eine Art Leser im Buch und tut, was meine Leser auch tun, nämlich sich in ein Buch versenken und die Geschichte verfolgen.

Frage 5 von 7:

Ihre Bücher enthalten neben den witzigen Passagen für die Kinder auch feine Ironien, die nur ältere Kinder oder sogar nur die Eltern verstehen. In ihrem neusten Buch tritt zum Beispiel ein Minnesänger namens Walther von der Blumenwiese auf, der herzzerreißende Liebeslieder singt. Haben Sie beim Schreiben auch immer die Eltern – sozusagen als Co-Leser – im Kopf?


Ingo Siegner: Eigentlich baue ich diese kleinen Späße erstmal für mich selbst ein – weil es mir beim Schreiben unheimlich Spaß macht, mit solchen Dingen zu spielen. Aber natürlich ist es auch schön, sich vorzustellen, dass die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern die Bücher lesen und beide Seiten daran großen Spaß haben. Meine Bücher sind aber primär für Kinder konzipiert und eignen sich ja nicht nur als Vorlese-Bücher, sondern auch als Bücher für Erstleser.

Frage 6 von 7:

Können Sie sich auch vorstellen, Bücher für Erwachsene zu schreiben?


Ingo Siegner: Prinzipiell schon. Ich hatte mal die Idee für ein Buch über einen kleinen Bären, der seinem Zeichner entwischt, dauernd Dummheiten anstellt und dann mit dem Zeichner Diskussionen darüber anfängt. Der Verlag meinte, das sei für Kinder zu schwer, aber vielleicht ist es ja was für Erwachsene. Ich hätte auch jede Menge Stoff für Satiren über meine Lesereisen, zum Beispiel über "Die ewige Jagd nach dem Hausmeister" in Grundschulen. Eine andere Idee wäre eine Art "Making of" zum kleinen Drachen Kokosnuss, also ein Buch, indem ich die Figuren zu ihren Rollen interviewe oder den kleinen Drachen in seiner VIP-Kabine zeige. Sie sehen schon, ich nehme meine Figuren sehr ernst…

Frage 7 von 7:

Sie bezeichnen Ihre Lesungen selbst als Kinderbuch-Kino. Warum? Wie sind Sie auf die Idee gekommen, bei Ihren Lesungen nicht nur vorzulesen, sondern auch frei zu erzählen und zu zeichnen?


Ingo Siegner: Das freie Erzählen und Zeichnen war ich ja von meiner Kinderbetreuer-Zeit schon gewohnt. Trotzdem war ich sehr nervös, als ich meine ersten Lesungen hatte und bin es im Prinzip heute immer noch. Kinder sind eben ein sehr kritisches Publikum; die stehen einfach auf und gehen, wenn es langweilig wird. Ich bediene ja mit meinen Büchern eine sehr junge Zielgruppe – circa zwischen vier und zehn Jahren – und die können einfach oft noch nicht eine ganze Stunde beim Vorlesen zuhören. Darum zeichne und erzähle ich auch und mache immer mal wieder Späße, um die Längen zu überbrücken. Ich zeige bei den Lesungen auch Dias und bringe so Bewegung in die Geschichte – fast wie im Film. Daher auch der Begriff Kinderbuch-Kino: Die Kokosnuss-Geschichten sind einfach nicht statisch, sondern immer in Bewegung und so möchte ich sie auch präsentieren.